Die Schule

Die Schule

Kaum hatten die Gerlinger die Friedhofssache geschluckt, aber sicher noch nicht verdaut, kam ein neues Problem auf sie zu: die Schule. Unter den 724 Personen, die im Jahre 1773 auf der Solitude lebten, waren Soldaten, Arbeitsleute, Gärtner, Schuhmacher, Schneider, Köche, Pferdepfleger, Gartenporteure, Zaunknechte und andere. Dies waren die sogenannten niederen Diener. Zu den höheren Dienern zählten Offiziere, Lehrer, Künstler und Hofbeamte. Die meisten von ihnen waren verheiratet, hatten Familie und Kinder. Die letzteren sollten nun auch Schulunterricht erhalten.

Auf der Solitude war dazu aber keine Gelegenheit, da diese Kinder zum Unterricht in der Militärakademie nicht zugelassen waren. Wohl unterrichtete schon seit 1769 der Gerlinger Provisor (Unterlehrer) Johann Heinrich Hartfuß jeden Nachmittag vier Stunden in Privathäusern auf der Solitude. Dies konnte er tun, weil in Gerlingen nachmittags laut Magistratsbeschluß kein Unterricht stattfinden durfte. Warum eigentlich? Die Schulkinder wurden besonders im Sommer zu den Feldarbeiten am späten Vormittag und vor allem am Nachmittag dringendst gebraucht, da die Väter meist beim Fronen auf der Solitude waren. So wurde auch die Vormittagsschule „für die Großen" von ehemals 7-9 Uhr auf 6-8 Uhr angesetzt!

Die Kinder der niederen Diener waren schon 1773 hier in Gerlingen eingeschult worden, insgesamt waren es 35, 20 Knaben und 15 Mägdlein.
Als nun 1774 vom Kirchenrat angeordnet wurde, dass auch die Kinder der Honoratioren hier zur Schule gehen sollten, wandten sich die Eltern in einem Memorial an den Kirchenrat und den Herzog, doch auf der Solitude eine „öffentliche teutsche" Schule zu errichten. Der Herzog stand dieser Sache wohlwollend gegenüber, der Kirchenrat lehnte jedoch strikte ab. Wieso? Hier kommt nun eine innenpolitische Angelegenheit zur Sprache, genauer jene Spannung, die zwischen dem Herzog und dem Kirchenrat herrschte.
Der Kirchenrat, der die Oberhoheit über alle Schulen im Lande hatte, fürchtete, dass ihm in dieser öffentlichen Schule auf der Solitude, genau so wenig Einfluss und Einsicht gewährt werden würde wie in der Militärakademie. Diese Militärakademie war eine ureigene Schöpfung des Herzogs, in der er die Unterrichtsfächer, die Unterrichtsform, die Lehrer und die Professoren selbst bestimmte. Sie war dem Kirchenrat ein Dorn im Auge.

Deshalb durfte eine öffentliche Schule unter keinen Umständen auf der Solitude eingerichtet werden, die Kinder mussten in den nächstgelegenen Ort zur Schule gehen. Gerlingen aber verkraftete diese Schülerzahl - inzwischen waren es 52 geworden - räumlich nicht. Es musste ein Anbau erstellt werden.

Und das ist nun das Erstaunliche: Der Kirchenrat, der alle Zahlungen für diese Art von Schulen bisher ablehnte, erklärte sich bereit, diesen Anbau zu bezahlen, ja selbst den weiteren und zweyten Provisor (Unterlehrer), der nun notwendig wurde. 20 f an Geld will er herschicken, dazu 3 Scheffel Dinkel und l Scheffel Rocken.
Die Gerlinger aber sträubten sich mit Händen und Füßen, mit allen Mitteln und Ausreden gegen diesen Anbau. Das Schulhaus stand in jener Zeit noch nördlich der Kirche auf der Kirchhofsmauer, und zwar so nahe an der Kirche, dass kein Sarg zwischen Kirche und Schulhaus auf den Kirchhof getragen werden konnte. Durch diesen Anbau sagten sie, würde ihnen der Zugang zur Kirche erschwert; vor allem sei es zu dunkel. Auch brauchte der Anbau eine Dachrinne, die, wenn sie schadhaft werde, dem Schulhaus schaden würde. Außerdem käme es durch den Auslauf dieser Rinne im Winter zu Glatteis. Dazuhin müsste durch diesen Anbau im Winter mehr geheizt werden und dadurch die Bauern zu mehr Holzfuhrfronen herangezogen werden. Im übrigen könnten sie nicht einsehen, in was für eine Verbindung sie mit der Solitude stehen, und wenn sie um fremder Notdürftigkeit willen der häufigen Frohnen noch mehr über sich ergehen laßen sollen.

Einen weiteren Ablehnungsgrund führten sie noch an, den nämlich, dass die Erfahrung der vergangenen Jahre gezeigt hätte, dass die Kinder der niederen Diener im Winter wegen des Glatteises in der zwischen der Solitude und Gerlingen liegenden „Staige" kaum in die Schule kämen, und andererseits, die Bürgerskinder von Gerlingen wegen der vielen Feldgeschäfte die Sommerschule so ohnfleißig besuchten, daß für ohngefähr 30 fremde noch allemal genug Platz übrig seyn werde.

Der Anbau musste erstellt werden, der neue Lehrer kam, wurde aber bereits im Mai 1775 wieder entlassen, weil nur noch zwei(!) Kinder der Solitude die hiesige Schule besuchten. Was war geschehen? Der Herzog hatte in diesem Jahr die Solitude verlassen, war nach Hohenheim übergesiedelt und mit ihm viele Familien mit ihren Kindern. Der Anbau wurde 1776 auf Abbruch verkauft.
Auch die Militärakademie wurde in diesem Jahr nach Stuttgart verlegt, außerdem übersiedelte der Hof wieder von Ludwigsburg nach Stuttgart. Der Herzog hatte den Stuttgartern verziehen.

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