Biokraftstoffe vom Acker: Rapsöl als Treibstoff der Zukunft
Landwirt Rudolf Sickinger aus Gerlingen will in diesem Jahr seine Traktoren mit Rapsöl vom eigenen Acker betanken. Dafür hat er zehn Hektar Raps im vergangenen August ausgesät und nach der Ernte in diesem Sommer wird aus den Ölsamen das Rapsöl gewonnen. Aber auch der Rapskuchen, der bei der Pressung übrig bleibt, wird auf dem Grundhof verwertet. Als Eiweißlieferant ist er ein hochwillkommenes Kraftfutter für das Milchvieh. „Da bin ich dann sicher, dass dieses Futter gentechnikfrei ist“, sagt Rudolf Sickinger. „Das erwartet die Molkerei“. Den Abnehmern des Schlachtviehs hat er vertraglich zugesichert, dass er nur gentechnikfreies Futter verwendet und erzielt dadurch einen höheren Preis.
So entsteht ein geschlossener Stoffkreislauf, der bei-spielhaft für eine nachhaltige Wirtschaftsweise ist. Rapsöl als Kraftstoff ist für die Landwirtschaft von wachsender Bedeutung, da es sowohl direkt als Treibstoff als auch indirekt über die Verarbeitung zu Biodiesel zunehmend verwendet wird.
Um Dieselfahrzeuge mit Rapsöl zu betreiben ist allerdings ein Umbau notwendig, weil das Rapsöl für eine optimale Verbrennung vorgewärmt sein muss. Dazu muss ein zusätzlicher Rapsöltank mit Wärmetauscher eingebaut werden. Gestartet wird der Motor mit Dieselkraftstoff. Wenn das Rapsöl durch die Motorabwärme genügend aufgeheizt ist, wird auf Rapsöl umgeschaltet.
Wenn der Motor für längere Zeit abgestellt wird, muss zuvor wieder auf Diesel umgeschaltet werden, damit die Einspritzanlage bei erneutem Start wieder mit Dieselkraftstoff gefüllt ist. Allerdings sind nicht alle Motoren für Rapsöl gleich geeignet und die Hersteller lehnen eine Garantie derzeit noch ab. An dieser Stelle sei vermerkt, dass die Stadt Calw auf Initiative der dortigen Lokalen Agenda eine Pflan-zenöltankstelle eingerichtet hat. Auch das Umwelt- und Verkehrsministerium sah dies als ein “beispielhaftes Projekt zum kommunalen Umweltschutz“ an und hat 2/3 der Investitionskosten übernommen. Ein Liter Pflanzenöl kostet in Calw 72 Cent.
Die wichtigste Variante des Biokraftstoffs ist in Deutschland Biodiesel, wie er inzwischen an über 1900 Tankstellen angeboten wird. Biodiesel wird auf chemischem Weg überwiegend aus Rapsöl hergestellt, aber auch andere pflanzliche und tierische Rohstoffe sowie recycelte Öle und Fette kommen zum Einsatz.
Nach einer EU-Richtlinie soll ab 2006 dem aus Erd-öl hergestellten Dieselkraftstoff zwei Prozent und ab 2010 5,75 Prozent Biodiesel zugemischt werden. Mit fünf Prozent Beimischung hat Österreich dieses Ziel schon heute fast erreicht. Beimischungen in diesen Größen sind für alle Dieselmotoren verträglich. In der reinen Form greift Biodiesel dagegen bisher gebräuchliche Dichtungen und Schläuche an, weshalb die Freigabe beim Fahrzeughersteller für das jeweilige Modell nachgefragt werden muss.
Biokraftstoffe sind bis Ende 2009 steuerfrei, um dadurch umweltfreundliche Technologien voranzu-treiben. Diese Regelung soll nach einem kürzlich gefassten Beschluss der Bundesregierung allerdings ab August eingeschränkt werden, weil die Förderung überhöht sei. So sind Aufschläge von zehn und 15 Cent pro Liter vorgesehen, allerdings sollen Land-wirte reinen Biodiesel weiterhin steuerfrei tanken können. Weil bei der Verbrennung von Biokraftstof-fen etwa nur so viel CO2 frei wird wie beim Wachs-tum gebunden wurde, kommt deren Nutzung dem Klimaschutz zu Gute. Der Schadstoffausstoß ist bei Biodiesel vermindert, weil die Russpartikelmasse deutlich geringer und weniger krebserregend ist. Zudem werden endliche fossile Ölressourcen geschont und die Importabhängigkeit verringert. Für die Landwirtschaft ergeben sich durch den Rapsanbau neue Einnahmemöglichkeiten, die Einbußen bei anderen Produkten verringern können.
Eine dritte Biokraftstoffvariante steht kurz vor der Markteinführung: Bioethanol, das dem herkömmli-chen Benzin beigemischt werden kann. Es wird aus Biomasse erzeugt und die Verwendung selbst von Reststoffen wie Stroh und Holzabfall hierfür wird erforscht.
Rudolf Sickinger vom Grundhof muss in diesem Jahr aber erst einmal den Umbau der Schlepper or-ganisieren und dann überlegt er auch, ob sich die Anschaffung einer eigenen Ölmühle im nächsten Jahr lohnen würde.
Text: Rolf Stiefel, Arbeitskreis Energie der Lokalen Agenda 21 Gerlingen, veröffentlicht in der Sonderbeilage „Im Zeichen der Sonne – Energie sparen, Klima schützen“ zur Leonberger Kreiszeitung und zu Strohgäu Extra der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten am 30./31. März 2006. Diese 6-seitige Sonderbeilage wurde Rahmen der gemeinsamen Energie-Infotage 2006 vom Energiekreis Leonberg, dem Solarverein Ditzingen und dem Arbeitskreis Energie der Lokalen Agenda Gerlingen initiiert.

