Hauptstraße 3/1

Bachstraße
Welsches Dörfle genannt
Der Bach floss durch die Hauptstraße und die Bachstraße in einem offenen Kanal
Blick ins "Welsche Dörfle" um 1900
Nach mündlicher Überlieferung entstand der Name "Welsches Dörfle" gegen Ende des 18. Jahrhunderts, als französische Truppen längere Zeit hier biwakiert hatten.
Der Bach floss durch die Hauptstraße und lief nach Osten durch Wiesen und Felder zum Aischbach. Die Bachstraße verläuft wie alle alten Gassen des Dorfes nicht geradlinig. Das Wohnstallhaus Bachstraße 7 wurde um 1700 auf Resten eines früheren Wohnhauses erbaut. 1716 war es im Besitz des Schultheißen Johannes Höschele (Amtszeit 1707 - 1726). Bei Ausgrabungen im Jahre 1996 wurde an dieser Stelle eine durchgehende Besiedlung seit dem 12. Jahrhundert festgestellt. Von der Hofanlage Bachstraße 15 ist noch das zweigeschossige Nebengebäude von 1787 mit einer Bauherrentafel erhalten.
Hauptstraße 4

Reste eines Dreiseithofes
Inschrift auf einem Mittelbalken an der Straßenseite des Wohnhauses "erbaut 1687 von Joh: Michel Vogell und A. Margareta".
Bis 1740 Haus der Wundarztfamilie Vogel
Die gesamte Hofanlage stammt vom Ende des 17. Jahrhunderts.
Das Untergeschoss ist später aus Backsteinen neu aufgeführt worden. Von dem gängigen Modell der Dreiseithöfe weicht die Hofanlage ab, denn das Wohnhaus steht nicht mit dem Giebel, sondern mit der Traufseite zur Straße. Der Hof wurde durch eine Mauer abgeschlossen, die mit einem großen Torbogen für die Wageneinfahrt und einem Törlein für die Fußgänger versehen war. Die Mauer und ein Teil der links angeordneten Nebengebäude mussten dem Verkehr geopfert werden. In der Gasse zur Linken ("Goose Bergle") steht ein einstöckiges Wohnhaus aus dem 17./18. Jahrhundert mit reich verziertem Fachwerkgiebel.
Das Haus Hauptstraße 9 besitzt ein Fachwerk in weiter Ständerstellung mit naturkrummen Verstrebungen aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Das benachbarte Wohnstallhaus Nr. 11 aus dem 17. Jahrhundert über einem älteren Keller war von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts die Wirtschaft zum Ochsen.
Hauptstraße 19
Haus des Küferobermeisters Lorenz Maisch
Das ehemals einstöckige Wohnhaus wurde, zusammen mit den beiden Kellern, 1591 erbaut und 1787 aufgestockt. Die Erdgeschosswand der Straßenseite ist (nach einem Erdbebenschaden ) im Jahre 1914 mit Backsteinen aufgemauert worden.
Die Inschrift über der Haustüre lautete: Lorenz Maisch, Kiefer und Zoller. Dessen Ehefrau Ann Barbara Maischin. Der Sohn Johann Jakob Maisch 1787.
Das Schild, das sich jetzt im Stadtmuseum befindet, wird von einem Fischweiblein und einem Wassermann gehalten. Zoller und Acciser hießen die Einnehmer von Branntwein- und anderen Verbrauchssteuern. Der Name Maisch ist einer der ältesten Gerlinger Familiennamen. Das Gebäude Hauptstraße 21 (Gasthaus zur "Krone" mit Wirtshausschild aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert) ist ebenfalls ein ehemaliger Dreiseithof. Die Nebengebäude rechts sind zur Metzgerei umgebaut worden. Anstelle der Scheune im Hintergrund wurde ein Neubau erstellt. In der Hauptstraße 34 stand bis zum Jahre 1991 das sogenannte "Doktorhaus". Seine Bewohner waren u. a. von 1771 bis 1788 der Wundarzt Johann Christian Josenhans, von 1788 bis 1807 sein Sohn Christian Konrad Josenhans, Chirurgus, dann Johannes Wagner, Wundarzt von 1807 bis 1823, Schultheiß bis 1833. Dem folgte 1823 bis 1846 sein Stiefsohn Friedrich Josenhans, der hier im Jahre 1832 die erste Bluttransfusion in Württemberg vornahm. Der letzte Wundarzt war bis 1873 Johannes Rindlen (Rendlen).
Hauptstraße 20
Dreiseithof aus dem 18./19. Jahrhundert
Das zweistöckige Wohnhaus Hauptstraße 20 (Gaststätte "Gerlinger Hof") wurde 1721 von dem Bäcker Johann Georg Roth auf einem leeren Hofstattplatz erbaut. Im Jahre 1811 erweiterte der Bäcker Jacob Roth das Haus mit einem rückwärtigen Anbau (Bauherrentafel im Hof mit einer Brezel). Unter der Scheune ist noch der Keller eines Vorgängerbaus erhalten. Das "Bäule", der ehemalige Schweinestall mit Futterboden, stammt aus dem 19. Jahrhundert. Die gelungene Renovierung aus dem Jahre 1996 ist ein schönes Beispiel für Heimatverbundenheit.
Hauptstraße 39
Hopfentrockenhaus des Johann Jakob Mitschelen, Schultheiss in Gerlingen von 1855 bis 1891
Daneben stand bis 1864 die Hospitalscheuer des Hospitals Stuttgart
Das Hospital Stuttgart hatte Anspruch auf Abgaben aus Gerlinger Grundbesitz in Form von Naturalien. Der alte Straßennamen "Auf der Hostezen", noch 1873 in Urkunden erwähnt, dürfte mit dieser Hospitalscheuer zusammenhängen. Die Bergstraße heißt im Volksmund "Bollenbergle". In alten Urkunden hieß sie teils Gollengäßle, teils Bollenbergle.
Der Platz um das Hotel Krone wird in alten Urkunden "Turnieracker" genannt (1620).
Die heutige Hauptstraße war die "Allmandgasse", weil sie an beiden Enden auf die Allmand, die von allen gemeinsam genutzte Gemeindeflur, führte. "Oben im Dorf" bedeutete oberhalb des Rathauses, das "Mitten im Dorf" lag. "Unten im Dorf" unterhalb desselben.
Der Hopfenanbau war von 1866 bis in den Anfang des 20. Jahrhunderts für Gerlingen ein bedeutsamer Erwerbszweig. Ab 1862 bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts gab es in Gerlingen eine eigene Brauerei. Hinter der Gaststätte "Hirsch" wurde Bier gebraut. Hinter dem Haus Hauptstraße 39 befindet sich heute noch die 1880 zum Hopfentrockenhaus umgebaute Scheune mit den charakteristischen Dachklappläden für die Belüftung. Ihr Besitzer, Johann Jakob Mitschelen, war der erste hauptamtliche Schultheiß und wurde später der erste Ehrenbürger Gerlingens, vor allem wegen seiner Verdienste um den Bau der "Neuen Steige" im Jahre 1878, unserer heutigen Panoramastraße.
Hauptstraße 41/43
Mahltrog-Brunnen aus Trog und Laufstein zum Obstmahlen. Stein mit Jahreszahl 1748. Dahinter stand bis 1970 das "Große Haus", ein ehemaliges Herrenhaus
Das dreistöckige "Große Haus" oder "s'Lutze Haus" so nach dem Besitzer von 1814 genannt, zeichnete sich vor allen Häusern des Dorfes aus. Es hatte eine erhöhte Lage, die respektable Höhe von 19 m, außergewöhnlich hohe Wohngeschosse (3 Meter), einen steinernen Unterbau mit Haustür, Fensterleibungen im Renaissancestil und einen besonders tiefen und geräumigen Keller. Vermutlich entstand es wie das nördliche Nachbarhaus Nr. 41 um 1600 auf dem Grund eines noch älteren Bauwerks. Über längere Zeit war das Haus die Wohnung der Schultheißen. Die Hirschstraße hieß im 16. Jahrhundert "Almosengasse". Dort befand sich einst ein Almosen- oder Armenhaus (heute Hirschstraße 6). In dieser Gasse wohnten überwiegend Kleinbauern und Handwerker mit kleiner Landwirtschaft. Mahltrog und Mahlstein stammen aus dem Haus Roll in der Schulstraße und wurden auf Vorschlag von Prof. v. Graevenitz zur Gestaltung des Brunnens verwendet. Dieser ist Einsatz für einen eisernen Trogbrunnen. Ein weiterer Brunnen stand gegenüber auf der Höhe der Gerlinger Bank am Eingang der aufgelassenen Badgasse. Er hieß 1524 Eichbrunnen, später Bielen- oder Konrads-Brunnen.
Hauptstraße 51
Hof der Schmiedsfamilien Roll und Lindenberger
Dreiseithof mit früherer Schmiede
1858 heiratete der Schmied Karl Albert Lindenberger aus Schwieberdingen die Tochter des Schmiedemeisters Roll, zu der Zeit Besitzer dieses stattlichen Dreiseithofs aus dem Jahre 1630. Das Nebengebäude rechts war Schmiedewerkstatt. Der Keller stammt noch vom Vorgängerbau. Die beiden Scheunen sind 1800, die Nebengebäude und der Schweinestall 1835 gebaut worden.
1980 wurde das Fachwerk freigelegt und konserviert. Vor dem Haus steht eine Steinbank. Zum Hauseingang führt eine Treppe. Auf der Rückseite ist ein Renaissance-Torbogen zu sehen. Seit dem 17. Jahrhundert gibt es Handwerksgeschlechter, in denen das Handwerk vom Vater auf einen Sohn oder Schwiegersohn überging. Die Familien Baitter - Höhn - Roll - Lindenberger gehören zu einer solchen Familie, die bis 1627 zurückverfolgt werden kann. In der Familie ist überliefert, dass zwei Baumeister gewetteifert hätten, wer das höchste Haus bauen könne. Der eine baute das "Große Haus" und der andere dieses. Es war tatsächlich nach dem Haus Nr. 43 das zweitgrößte. Das Haus nebenan, Nr. 53, ist eine Hofanlage desselben Typs.
Hauptstraße 58
Haus Nr. 58 ist der ehemalige Gasthof zum "Hirsch" von 1862 bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts Brauerei, mit Gastställen für einkehrende Fuhrleute und einer Haltestelle für die Postkutsche. Hinter dem Haus reichte der Biergarten bis zum westlichen Dorfzaun, der heutigen Hasenbergstraße.
Am Ende der Jahnstraße steht die 1923 erbaute Turn- und Festhalle. Sie war bis zur Erstellung der Stadthalle der Ort für alle Festveranstaltungen und Theateraufführungen der Vereine. Hinter dieser Halle ist der Zugang zum Schulzentrum.
Hauptstraße 60
Rössle-Brunnen
Geschaffen 1957 durch den Bildhauer und Ehrenbürger F. v. Graevenitz
Der Künstler sagte, er habe das Pferd als Schmuck dieses Brunnens gewählt in Erinnerung an den Bauern und Fuhrmann Gottlieb Grob, der in der Hauptstraße 55 wohnte. Vor seinem Haus stand ein laufender Brunnen mit eisernem Trog. Man konnte Grob dort oft sehen, eine alte Artilleriemütze auf dem Kopf, wie er seinen Schimmel wusch. Grob gehörte mit seinem Schimmel zum Ortsbild.

Gottlieb Grob mit seinem Schimmel, nach dem der Rösslebrunnen geschaffen wurde
Hauptstraße 74 und 76
Gut erhaltener Dreiseithof Anfang des 17. Jahrhunderts
Hauptstraße 76
Als Zeit der Erbauung des Hauses gilt das Jahr 1613. Die Scheune stammt aus dem Jahre 1655. Die Nebengebäude (Viehstall, Werkstatt und Schweinestall) sind um 1800 erbaut worden, als in der Landwirtschaft die Stallfütterung begann.
Mit diesem Haus schließt die Reihe der gut erhaltenen Dreiseithöfe in der Hauptstraße ab. Die Folge der Besitzer des Hofes kann bis 1596 zurück verfolgt werden. Das Haus Nr. 66/1 ist eines der ältesten Häuser Gerlingens und wohl um 1550 erbaut worden.
Das Haus Nummer 74 hatte dasselbe Aussehen, bis es um ein Stockwerk erhöht und das Fachwerk ausgewechselt wurde.
Zu allen Hofanlagen in der Oberen Hauptstraße gehörten Gemüse- und Obstgärten, die sich hinter den Scheunen bis zum Dorfzaun fortsetzten, westlich bis zur heutigen Hasenbergstraße, östlich bis zum schmalen, noch begehbaren Etterweg, der dem Etterzaun entlang verlief und heute die Hirschstraße mit der Gartenstraße verbindet.
In der Anlage mit dem Johannes-Rebmann-Denkmal von Prof. v. Graevenitz lag das "Brechloch", eine Grube, in der die Frauen den Flachs bearbeiteten und auf der Flachsbreche die Fasern von der Rinde des Halms befreiten.
